Zwischen Wellen, Freiheit und dem ewigen Müssen
Strand in Dänemark ©Barbara Hiltbrunner
Vor kurzem war ich in Dänemark im Urlaub, in einem Ferienhaus ganz in der Nähe der Dünen und des Meeres. Nach rund sieben Jahren bin ich zum ersten Mal wieder in ein Flugzeug gestiegen und ans Meer gereist. Allein das war für mich schon etwas Besonderes, denn das Fliegen gehört definitiv nicht zu den Dingen, die mir besonders leichtfallen, auch wenn ich in der Vergangenheit sehr viel gereist bin.
Nun stand ich da, am Meer. Der Wind wehte über das Wasser und durch meine Haare, die Wellen rollten ans Ufer und die Luft war kühl und salzig. Nach diesem heissen Sommer hatte ich das Gefühl, endlich wieder richtig durchatmen zu können. Ich sog die Luft tief in meine Lungen und fühlte mich dabei fast schon ein paar Zentimeter grösser.
Ich bin keine klassische Strandurlauberin, die stundenlang in der Sonne liegen möchte. Natürlich finde ich türkisblaues Wasser, Palmen und weisse Sandstrände auch wunderschön, aber mit grosser Hitze kann ich nicht besonders gut umgehen. Sie nimmt mir irgendwann die Energie und selbst das Denken scheint anstrengender zu werden.
Dort im Norden war das anders. Mich hat diese raue, kühlere Seite des Meeres schon immer auf eine ganz eigene Weise angezogen. Ich mag einfach die kühle Luft, den Wind, die Wellen und dieses Raue und Wilde des Meeres. Und dort in Dänemark habe ich wieder gespürt, dass in all dem etwas unglaublich Beruhigendes für mich verborgen liegt.
Wenn im Aussen alles in Bewegung ist
Während ich am Ufer spazierte, fühlte ich mich so leicht und frei wie schon lange nicht mehr. Fast so, als könnte mich der Wind wie einen Drachen in die Luft heben und davontragen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass jede Welle, die sich wieder zurück ins Meer zog, etwas von meinem Ballast mitnahm.
Immer wieder blieb ich stehen und lauschte dem Meer. Es war nicht nur das Geräusch der Wellen, sondern auch das Zusammenspiel von Wasser und Steinen. Mit jeder Welle wurden die Steine am Ufer manchmal sanft, manchmal heftiger bewegt. Sie wurden vom Wasser überdeckt und beim Zurückfliessen wieder freigelegt. Sie rieben aneinander und komponierten dabei ihre ganz eigene Melodie, die immer wieder anders klang. Ich hätte diesem Geräusch ewig zuhören können.
Das Meer war in ständiger Bewegung, laut und kraftvoll und trotzdem entstand daraus etwas, das mich ruhig werden liess. Man könnte nun denken, dass dieses Tosen im Aussen einfach laut genug war, um all den Lärm in mir zu übertönen. Aber es war genau das Gegenteil. Ich hörte mich selbst wieder. Vielleicht, weil ich in diesem Moment nichts musste. Ich musste nichts erledigen, nichts planen, nichts erreichen und mir keine Gedanken darüber machen, was als Nächstes kommt. Ich durfte einfach nur dort entlangspazieren, die Natur mit all meinen Sinnen spüren, geniessen und sein.
Und vielleicht berührte mich das Meer auch deshalb so sehr, weil es all diese scheinbaren Gegensätze ganz selbstverständlich in sich trägt. Es ist weich und kraftvoll, rau und trotzdem lieblich, manchmal ruhig und dann wieder voller Bewegung. Es versucht nicht, sich für eine Seite zu entscheiden. Es folgt einfach seinem eigenen Rhythmus.
Ich glaube, es ist genau das, was in meinem Alltag manchmal zu wenig Platz hat. Dieses Nichtmüssen. Mich meinem eigenen Rhythmus hinzugeben. Nicht schon wieder darüber nachzudenken, was ich als Nächstes machen könnte oder sollte.
Wenn aus einem Wollen ein Müssen wird
Denn wenn ich ehrlich bin, kenne ich dieses Gefühl ziemlich gut. Ich möchte etwas bewegen. Ich möchte mit meiner Arbeit Frauen begleiten und mir etwas aufbauen, das mich erfüllt. Gleichzeitig arbeite ich 60 Prozent in meinem anderen Job, der mich fordert und in den ich ebenfalls viel von mir und meiner Energie einbringe. Das alles ist mir wichtig und vieles davon mache ich gerne.
Und trotzdem hat sich irgendwo dazwischen ein Anspruch eingeschlichen, den ich lange gar nicht richtig wahrgenommen habe: Ich muss etwas erreichen. Ich muss weiterkommen. Ich muss erfolgreich sein. Ich muss meine Möglichkeiten nutzen und etwas aus meinem Leben machen.
Ein Teil davon hängt sicherlich auch mit meiner eigenen Geschichte zusammen. Nach dem Abschied von meinem Kinderwunsch war da lange dieser Gedanke: Wenn ich schon keine Kinder haben kann, dann muss ich doch wenigstens etwas anderes aus meinem Leben machen. Vielleicht ist genau das jetzt meine Chance, mich selbständig zu machen, etwas aufzubauen und mit meinen Erfahrungen andere Frauen zu begleiten.
Und ja, ich möchte Frauen begleiten. Ich möchte mich weiterentwickeln und etwas bewirken. Daran hat sich nichts geändert. Aber irgendwann ist aus diesem Möchten wohl auch ein Müssen geworden.
Eigentlich wollte ich mir ein freies und selbstbestimmtes Leben schaffen und merkte gar nicht, wie ich mich dabei wieder in meinen eigenen Ansprüchen und Vorstellungen davon, wie ich zu sein und was ich zu erreichen habe, verfing. Und genau deshalb war es so befreiend, dort am Meer zu spazieren. Für diesen Moment war vollkommen egal, was ich erreicht hatte, wie erfolgreich ich war oder was ich als Nächstes tun sollte. Ich musste aus diesem Augenblick nichts machen. Ich durfte ihn einfach erleben.
Vielleicht muss ich gar nichts beweisen
Neben dieser unglaublichen Freude, die ich spürte, schlich sich da am Meer auch eine Sehnsucht ein, die mein Herz etwas schwerer werden liess. Es war eine Sehnsucht nach Freiheit, nach der Schönheit dieses Augenblicks und danach, ihn voll und ganz zu geniessen. Ich glaube aber auch, dass in dieser Melancholie, die ich da plötzlich spürte, die Erkenntnis lag, wie lange ich mir manches nicht erlaubt hatte.
Einfach zu gehen und zu machen. Nicht immer auf irgendwann zu warten. Mich nicht von meinen Ängsten davon abhalten zu lassen, Dinge zu erleben. Das Fliegen ist dafür wahrscheinlich das beste Beispiel. Es hat mich lange zurückgehalten und diente mir natürlich auch als Ausrede, nicht ins Tun zu kommen. Und nun war ich nach sieben Jahren tatsächlich wieder in ein Flugzeug gestiegen. Plötzlich stand ich an einem Ort, an dem ich noch nie zuvor gewesen war, und fühlte mich gleichzeitig unglaublich angekommen.
Eigentlich weiss ich ja schon lange, dass diese Freiheit nicht nur irgendwo am Meer auf mich wartet. Aber dort habe ich es wirklich gespürt. Und ich glaube, genau das ist der Unterschied. Ich muss nicht bis zur nächsten Reise warten, um mir dieses Gefühl wieder zu erlauben.
Freiheit bedeutet für mich nicht, keine Verantwortung zu übernehmen oder nur noch das zu tun, wonach mir gerade ist. Für mich bedeutet es inzwischen etwas anderes: mir immer wieder zu erlauben, nicht funktionieren zu müssen. Nicht jeden freien Moment für den nächsten Schritt zu nutzen. Nicht ständig darüber nachzudenken, was noch fehlt, wo ich eigentlich längst sein wollte oder was ich noch erreichen müsste. Und auch nicht aus jedem Umweg, jeder Erfahrung und jedem Verlust unbedingt etwas machen zu müssen.
Ich möchte mein Leben gestalten. Ich möchte Dinge ausprobieren, etwas aufbauen, Frauen begleiten, reisen, Neues erleben und noch ganz vieles entdecken. Aber ich möchte all das tun, weil ich es möchte und nicht, weil mein Leben am Ende der Beweis dafür sein muss, dass ich meine Möglichkeiten genutzt und etwas aus mir und meinem Leben gemacht habe.
Vielleicht hat mich genau deshalb dieses laute, raue Meer so still werden lassen. Zwischen Wind, Wellen und dieser leisen Melodie der Steine musste ich für einen Moment keine Rolle übernehmen und nirgendwo ankommen. Ich durfte einfach sein. Und genau das darf viel öfter genug sein. Ich darf ein erfülltes Leben haben, ohne ständig beweisen zu müssen, dass ich etwas daraus gemacht habe.
Vielleicht ist Freiheit gar nicht das, was uns fehlt. Vielleicht ist es die Erlaubnis, sie uns einfach zu nehmen.