Warum ich diesen Blog schreibe
«Es gibt doch schon so viele», habe ich mir lange gesagt. So viele Stimmen, so viele Texte, so viele Blogs. Warum ich nun trotzdem einen schreibe? Weil nicht zu schreiben für mich keine Option mehr ist.
Diese inneren Einwände begleiten mich nun schon seit einiger Zeit. Immer dann, wenn der Impuls kam, einen Blog zu starten, meldeten sie sich zuverlässig zu Wort. Nicht als leise Zweifel, sondern als laute innere Stimmen. Stimmen, die sagten: Es ist doch schon alles gesagt. Andere können das besser. Wer bist du, dass du dich jetzt auch noch zu Wort melden musst?
Warum Schweigen so viel Kraft kostet
Erstaunlich wirksame Stimmen übrigens. Sehr diszipliniert. Sehr vernünftig. Und sehr gut darin, mich davon abzuhalten, das zu tun, was sich eigentlich richtig anfühlt. Und trotzdem war da etwas anderes. Etwas, das nicht mehr verschwinden wollte. Früher habe ich vieles still mit mir ausgemacht, habe funktioniert, habe weitergemacht und dabei innerlich gelitten. Irgendwann wurde mir klar, dass mich das Schweigen mehr Kraft kostet als das Sprechen. Und daher ist es heute für mich keine Option mehr, nicht zu schreiben.
Dieser Blog entsteht nicht, weil ich Antworten habe. Und auch nicht, weil ich glaube, dass meine Geschichte besonders ist. Er entsteht, weil ich über die Jahre gemerkt habe, wie viele Themen im Frausein gelebt werden, ohne je wirklich ausgesprochen zu werden. Wie viel geschluckt, relativiert und ausgehalten wird, oft mit einem Lächeln im Gesicht und einem Knoten in der Gebärmutter. Und wie einsam das machen kann, selbst dann, wenn man scheinbar gut funktioniert und alles im Griff hat.
Ich schreibe, weil ich weiss, wie es sich anfühlt, im eigenen Leben zu funktionieren und sich dabei langsam selbst zu verlieren. Weil ich weiss, wie deutlich ein Körper sprechen, oder vielleicht treffender, schreien, kann und wie früh viele von uns gelernt haben, nicht hinzuhören. Weil ich erfahren habe, dass Worte nicht immer Lösungen liefern müssen, um etwas zu verändern. Manchmal reicht es, etwas auszusprechen, das längst da ist, aber nie Raum bekommen hat.
Dieser Blog ist kein Ort für schnelle Lösungen und keine Sammlung von Ratschlägen. Er ist ein Raum für ehrliche Betrachtung.
Für Fragen, die nicht sofort beantwortet werden wollen, weil sie uns vielleicht erst einmal tiefer mit uns selbst in Kontakt bringen sollen.
Worüber ich hier schreibe
Es gibt vier Themen, die mein bisheriges Leben und meine Arbeit mit Frauen besonders prägen.
Da ist der unerfüllte Kinderwunsch. Mit all dem, was dazugehört: Hoffnung und Enttäuschung, Neid und Scham, Abschied und diese leise, manchmal schmerzhafte Frage, was es mit unserem Bild von Weiblichkeit macht, wenn der eigene Körper nicht das tut, was von ihm erwartet wird. Aber auch die Erkenntnis, dass ein Leben ohne Kinder nicht automatisch ein Leben mit weniger Tiefe, weniger Sinn oder weniger Glück ist. Auch wenn das gesellschaftlich oft noch anders interpretiert wird.
Da sind die Wechseljahre, deren Beginn für mich nicht nur eine körperliche Veränderung war, sondern eine zutiefst existenzielle Erfahrung. Eine Zeit, in der ich an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt habe wie selten zuvor, und das will etwas heissen. Eine Phase, in der ich mich selbst kaum wiedererkannte. Rückblickend aber auch eine Zeit, in der sich etwas Neues gezeigt hat: eine Frau, die klarer wird, freier, unbequemer vielleicht, und die beginnt, sich selbst ernst zu nehmen.
Da sind die Ahnenlinie und dieses kollektive Frauenbewusstsein, das sich manchmal in Gefühlen zeigt, die grösser sind als wir selbst. Gefühle von Nicht-gesehen-werden, von Anpassung, von Zurückhaltung, von Kleingehalten-werden, von Schweigen. Sich mit diesen Themen zu verbinden bedeutet für mich nicht, Ausreden zu finden oder Verantwortung abzugeben für unser Verhalten oder unsere Gefühle. Es geht darum, zu erkennen, was nicht zu uns gehört und was wir heute bewusst und selbstbestimmt anders leben können.
Und da ist die Trauer. Um Menschen, um Lebensentwürfe, um Träume und Wünsche, die sich nicht erfüllt haben. Eine Traurigkeit, die lähmen kann, und in die sich oft Wut, Neid und Erschöpfung mischt. All das nicht wegzudrücken, nicht zu beschönigen und nicht zu überspringen, sondern da sein zu lassen. Einen Raum zu öffnen für das, was schmerzt. Ohne es sofort verändern zu müssen.
Was mir wirklich wichtig ist
Ich schreibe diesen Blog nicht, weil ich glaube, dass jede meiner Geschichten gehört werden muss. Ich schreibe, weil ich weiss, wie viele Frauen sich nicht erlauben, ihre eigene Geschichte ernst zu nehmen. Wie viele schweigen, funktionieren und das leise ertragen, von dem sie glauben, dass es eben dazugehört. Und weil ich davon überzeugt bin, dass wir keine Opfer unserer Umstände sind. Auch dann nicht, wenn wir uns das lange erzählt oder erzählt bekommen haben.
Ich habe lange geglaubt, dass bestimmte Erfahrungen ein Leben kleiner machen. Heute aber weiss ich: Sie machen es oft tiefer, klarer und wahrhaftiger.
Denn nicht alles, was weh tut, nimmt uns etwas. Manches gibt uns ein Leben zurück, das wir uns nie erlaubt hätten zu führen.
Von Herzen,
Barbara