Mind the Gap!

Wer schon einmal in der Londoner U-Bahn unterwegs war, kennt bestimmt die Durchsage «Mind the Gap». Sie erinnert daran, dass zwischen Zug und Bahnsteig eine Lücke besteht, die man leicht übersieht, die aber ungemütlich werden kann, wenn man reintritt. Auch für Frauen und Mädchen gibt es einige solcher «Gaps», die ihr Leben nachhaltig prägen.

So gibt es den sogenannten «Gender Pay Gap». Dieser beschreibt die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen und verdeutlicht, dass Männer für die gleiche oder eine gleichwertige Arbeit mehr bezahlt bekommen als Frauen. Auch vom sogenannten «Gender Health Gap» haben einige bestimmt schon gehört. Der Begriff beschreibt das Ungleichgewicht in der medizinischen Forschung und Versorgung, bei dem Frauen aufgrund einer männlich orientierten Medizin häufiger von Fehldiagnosen, verspäteten Therapien und schlechterer Gesundheitsversorgung betroffen sind.

Als ich zum ersten Mal vom sogenannten «Dream Gap» hörte, wurde mein Herz jedoch auf eine andere Weise unglaublich schwer. Denn hier ging es nicht um Zahlen oder Statistiken im Erwachsenenalter, sondern um Mädchen.

 

Der Dream Gap – wenn Selbstzweifel früh beginnen

Die «Dream Gap»-Initiative von Mattel basiert auf Studien, die zeigen, dass viele Mädchen bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren beginnen, ihre eigenen Fähigkeiten anders einzuschätzen als Jungen. Während kleine Kinder zunächst noch gleichermassen überzeugt davon sind, alles erreichen zu können, verändert sich dieses Selbstbild bei Mädchen erstaunlich früh. Sie beginnen, an ihrer Intelligenz zu zweifeln, trauen sich weniger zu, ordnen sich schneller unter. Die Lücke entsteht nicht erst im Berufsleben, sondern lange davor, in einem Alter, in dem Selbstvertrauen eigentlich noch selbstverständlich sein sollte.

 

«Like a Girl» – wenn Sprache zur Grenze wird

Als ich im Internet nach Informationen zum «Dream Gap» gesucht habe, bin ich auf das Video der Kampagne «Like a Girl» von Always gestossen. In diesem Experiment wurden Kinder, Jugendliche und Erwachsene gebeten, «wie ein Mädchen» zu rennen oder zu werfen. Die jüngeren Mädchen rannten kraftvoll und selbstverständlich. Für sie bedeutete «like a girl» schlicht: so schnell und so stark, wie ich es kann. Bei den Jungs sowie bei den männlichen und weiblichen Erwachsenen jedoch war die Bewegung plötzlich übertrieben, ja fast verspottend. «Wie ein Mädchen» war inzwischen zu einer Beleidigung geworden, zu einer Beschreibung für Schwäche oder Unfähigkeit.

Was mich daran besonders berührt hat, war nicht nur die Veränderung, sondern die Normalität, mit der wir sie als Frauen akzeptieren und verinnerlichen. Niemand setzt sich hin und beschliesst bewusst, an sich zu zweifeln. Es geschieht schleichend. Durch Bewertungen, durch Kommentare, durch Vergleiche, durch ein Umfeld, das Mädchen früh beibringt, sich selbst klein zu halten, nicht zu laut zu sein und nicht zu viel zu fordern.

 

Wie die Lücke sich im eigenen Leben zeigt

Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, erkenne ich diese Lücke auch. Als Mädchen war ich überzeugt davon, alles lernen und alles werden zu können. Ich hatte nicht das Gefühl, weniger zu können oder weniger wert zu sein. Dieses Gefühl kam später. Es entwickelte sich in der Pubertät, in der Auseinandersetzung mit meinem Körper, in der Art, wie über Mädchen gesprochen wurde, in Erwartungen an Anpassung, Freundlichkeit und Zurückhaltung. Ich begann, mir selber weniger zuzutrauen, meine Ansprüche und Erwartungen abzuschwächen, meine Meinung vorsichtiger zu formulieren oder gar nicht mehr auszusprechen. Nicht, weil ich weniger fähig war, sondern weil ich dachte, dass sich das für Mädchen nicht gehört.

Diese innere Lücke begleitete mich lange. Sie zeigte sich in Entscheidungen, in Selbstzweifeln, im Umgang mit meinem Körper. Und sie verschwand nicht einfach mit dem Erwachsenwerden. Im Gegenteil: Sie wurde tiefer, da mein Leben, mein Frausein ohne Kind nicht der Norm entsprach. Die Lücke äusserte sich in leisen Gedanken, in meinem inneren Bewerten, ob ich wirklich gut genug bin, ob ich wirklich Anspruch auf das habe, was ich möchte. Ob ich es wirklich wert bin.

 

Warum wir nicht bis zu den Wechseljahren warten sollten

Was mich im Rückblick besonders nachdenklich macht, ist, dass sich diese Lücke bei mir erst in den Wechseljahren spürbar zu schliessen begann. In einer Lebensphase, die gesellschaftlich oft als Abbau oder Verlust dargestellt wird, begann ich, mich von alten Selbstzweifeln zu lösen. Ich stellte fest, wie viele Ideologien ich übernommen hatte, ohne sie jemals bewusst geprüft zu haben. Ich erkannte, wie sehr ich mich über Jahrzehnte selbst kleiner gemacht und abgewertet hatte.

Diese Erfahrung war befreiend, aber sie war auch zu tiefst irritierend. Denn sie war spät. Und die Frage, die sich mir daraus stellt, ist unangenehm: Warum brauchen so viele von uns so lange, um diese Lücke zu erkennen? Warum akzeptieren wir über Jahre hinweg, dass Selbstzweifel ein normaler Bestandteil unseres Frauseins sind?

 

Die Lücke darf gar nicht erst entstehen

Die beiden Kampagnen «The Dream Gap» und «Like a Girl» machen sichtbar, was früh beginnt. Doch sie stellen auch eine weiterführende Frage: Was geschieht mit diesen Mädchen, wenn sie erwachsen werden? Wer hilft ihnen, die innere Distanz nicht weiter wachsen zu lassen?

Für mich ist klar geworden, dass diese Lücke nicht unausweichlich ist. Sie entsteht durch Bilder, durch Sprache, durch Erwartungen, durch Rollenbilder. Und sie kann auch dort wieder verkleinert werden. In der Art, wie wir über unsere Fähigkeiten sprechen. In der Selbstverständlichkeit, mit der wir uns Raum nehmen. In dem, was wir unseren Töchtern und Söhnen vorleben.

Vielleicht bedeutet «Mind the Gap» nicht nur, eine Gefahr zu erkennen, sondern Verantwortung zu übernehmen. Nicht erst mit fünfzig. Nicht erst nach einem halben Leben der Anpassung. Sondern so früh wie möglich.

Denn wenn Mädchen mit der Überzeugung starten, dass sie alles sein können, dann sollte es nicht das Ziel sein, ihnen diesen Glauben irgendwann zurückzugeben. Es sollte das Ziel sein, dass sie ihn nie verlieren.

Es ist also an der Zeit, die Lücke nicht nur wahrzunehmen, sondern sie bewusst zu schliessen. 

«So, let’s mind the gap – and close it!»

Links zu den Videos:

YouTube Video «The Dream Gap»

YouTube Video «Like a Girl»

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