Warum machen wir unsere eigenen Schritte immer so klein?

Ich stand im Wasser, ziemlich kalt, ziemlich stolz – und mein erster Gedanke war: Das ist ja eigentlich nichts Besonderes.

Kennst du diese Momente auch, in denen du dir selbst die Freude fast wieder wegnimmst?

Kennst du das, dass du etwas erlebst oder etwas machst, das sich für dich eigentlich besonders anfühlt, und kaum ist der Moment da, beginnt innerlich schon dieses leise Relativieren? Mhh… eigentlich ist das ja nichts Besonderes. Andere machen das schon lange. Es gibt immer jemanden, für den das, was du gerade getan hast, selbstverständlich ist. Und genau in diesem Moment verliert es an Bedeutung, noch bevor du überhaupt richtig gespürt hast, was es für dich war.

Und genau da wurde es mir bewusst

Mir ist das dieses Wochenende mal wieder bewusst geworden. Ich war zum ersten Mal Anfang Mai im Urnersee. 13 Grad. Das ist für viele nichts Aussergewöhnliches, das weiss ich. Es gibt Menschen, die das während dem ganzen Winter machen. Und genau da wäre ich früher sofort ausgestiegen. Hätte gedacht, das zählt nicht, das ist nichts Besonderes, darüber muss ich mich gar nicht freuen.

Selbst im Hochsommer bin ich nur sehr selten in den See gehüpft. Meistens habe ich zaghaft mit den Zehen die Wassertemperatur geprüft und diese sehr oft für zu kalt empfunden. Wenn ich mal ganz mutig war, habe ich mich bis zum Bauchnabel ins Wasser getraut, was bestimmt so 3 bis 5 Minuten gedauert hat. Dann tief Luft geholt und für einige Sekunden abgetaucht, um dann mit Schnappatmung aus dem kühlen Nass aufzutauchen und zitternd an Land zu gehen.

Irgendwo in den letzten Jahren hat sich etwas verändert. Das Wasser ist plötzlich zu meinem Element geworden. Vielleicht hat es mit meinem Körper zu tun, vielleicht mit den Wechseljahren oder einfach, weil ich gemerkt habe, wie wohltuend es ist und wie getragen ich mich fühle, ganz eins mit dem Wasser zu sein. Da ich das jetzt auch im Hochsommer schaffe, habe ich mir die letzten zwei, drei Jahre immer wieder vorgenommen, doch schon im Mai baden zu gehen. Doch ich hab’s nie geschafft, war dann doch zu kalt.

Und diesen Freitag, am 1. Mai, habe ich es einfach gemacht. Gut, ganz so einfach wars nicht. Aber ich war nicht alleine. Wir waren eine Gruppe von vier Frauen. Wir haben uns gegenseitig motiviert. Vielleicht war es genau das, was den Unterschied gemacht hat. Dieses Gefühl, nicht alleine zu sein. Die anderen sind vorgegangen und ich habe gesehen, es ist machbar. Ich bin ins Wasser gegangen, habe die Kälte gespürt, dieses kurze Zusammenziehen und bin weitergegangen bis ich drin war.

Der Moment danach entscheidet alles

Danach sassen wir am Ufer, haben gelacht, den Moment genossen und uns gefeiert. Da wurde mir bewusst, dass ich genau jetzt eine Entscheidung treffen kann. Ich kann das kleinreden, es einordnen, es relativieren, so wie ich es schon oft gemacht habe. Oder ich kann es stehen lassen und sagen: Für mich war das ein grosser Schritt und yesss, darauf stossen wir jetzt an. Und ich habe gespürt, wie viel Energie genau darin liegt, mich für diese Schritte zu feiern.

Ich glaube, wir haben das über Jahre verlernt. Gerade wir Frauen. Wir sind so geübt darin, uns zu vergleichen, uns anzupassen, uns selbst kleiner zu machen, dass wir oft gar nicht mehr merken, wie schnell wir uns unsere eigenen Momente wieder wegnehmen. Alles, was nicht gross genug erscheint, wird automatisch relativiert oder kleingeredet. Und genau da verlieren wir so viel Kraft.

Es geht nicht darum, ob etwas für andere besonders ist. Es geht darum, ob es für dich neu ist. Ob es dich etwas gekostet hat. Ob es dich ein Stück weitergebracht hat. Es geht genau darum, dass wir beginnen, uns diese Momente zurückzuholen. Dass wir sie nicht mehr sofort einordnen und abschwächen, sondern ihnen den verdienten Platz geben. Dass wir uns erlauben, uns darüber zu freuen, auch wenn niemand von aussen klatscht. Denn genau daraus entsteht Energie. Eine ruhige, klare Energie, die nicht vom Vergleich lebt, sondern aus uns selbst kommt.

Und genau dort beginnt es. Bei diesen scheinbar kleinen Dingen, die für uns eben nicht klein sind.

Weiter
Weiter

Mind the Gap!